Tabuthema psychische Erkrankung

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„Schau jetzt! Da sind sie wieder und strahlen mich mit einem Power Pointer an.“ Ich schaue schnell aus dem Fenster um zu schauen wer meine Mama seit Tagen bedroht. Doch, ich sehe niemanden. „Wen meinst du Mama? Da ist niemand!“ Ich sehe die Angst in den Augen meiner Mutter. Sie wirkt verzweifelt, weil sie es mir doch unbedingt beweisen will. Sie will mir beweisen, dass sie verfolgt und bedroht wird. Wir schauen gemeinsam aus dem Fenster. Sie bricht in Tränen aus und versichert mir: „Eines Tages wirst auch du sie erwischen mein Kind. Sie haben es auf mich abgesehen und sind sehr schnell. So schnell, dass sie bereits weg sind, wenn du hinsiehst.“ Mein Herz fängt an schneller zu schlagen und ich bekomme feuchte Hände. Ich würde ihr so gerne Glauben schenken. Ich würde ihr doch so gerne helfen können, aber das, was sie seit Wochen sieht, das alles kann ich nicht sehen. Es ist für mich nicht real was passiert. Es scheint so, als hätte sich meine Mutter ihre eigene Realität erschaffen.

Schlaflose Nächte vergehen. Meine Mama hat rote Augen und tiefe Augenringe von dem ganzen Schlafentzug. Doch kann sie nicht anders als die ganze Nacht aufzubleiben um unser Haus zu bewachen.  Sie hat panische Angst, da sie sich ständig verfolgt und bedroht fühlt. Sie möchte unsere Familie schützen und befürchtet, dass uns etwas zustößt.„Mama, uns wird nichts zustoßen. Wir sind sicher hier in unserem Haus und wer würde uns denn was antun wollen?“ Meine Mutter fühlt sich missverstanden. Sie fühlt sich alleine gelassen, da ihr niemand glaubt. Jede Nacht versucht sie uns erneut zu beweisen, dass Menschen hinter uns her sind, die uns etwas antun möchten.

Wir glauben zunächst erstmal, dass sie sich seit dem Mobbing an ihrem Arbeitsplatz etwas zu viel in das Thema hineingesteigert hat. Sie hat ihre Arbeitsstelle dadurch verloren und findet wahrscheinlich deswegen nicht den richtigen Sinn und Antrieb in ihrem Leben. Wir gehen von einem Burnout aus. Meine Mutter ist ein absoluter Gefühlsmensch, der hochsensibel ist. Wahrscheinlich hat sie diese Erfahrung so sehr verletzt, dass sie das nicht richtig verarbeiten konnte. Wir versuchen uns einzureden, dass es nur eine Phase ist.

Doch es hört nicht auf. Ganz im Gegenteil. Es wird immer schlimmer. Mittlerweile hat sie sich eine Matratze in Flur gelegt und eine Bude gebaut um nachts noch besser Wache halten zu können. Einige Nächte schreit sie laut auf, weil sie glaubt, dass Gift im Haus versprüht wurde. „Wir müssen alle ganz schnell weg, sonst sterben wir!“ ruft sie angsterfüllt. Ich sehe wieder diese Panik in ihren Augen und es macht mir Angst. Sie schreit und weint. Wir fühlen uns hilflos. An anderen Tage gehen normale Passanten an unserem Haus entlang und sie schreit aus dem Fenster „Ich weiß über euer abgekartetes Spiel Bescheid.“ Natürlich ist uns das in dem Moment etwas unangenehm. Schließlich wissen diese Menschen nicht was los ist und reagieren irritiert und erbost.

Wir versuchen sie nun bei einer Bekannten unterzubringen, weil wir uns dadurch eine ruhige Nacht für sie, aber auch für uns erhoffen. Mittlerweile sieht man ihr schon äußerlich an wie fertig sie ist. Sie soll sich auskurieren und vor allem eine Portion Schlaf nachholen.  Wir denken nämlich, dass sie diese Angst nur in unserem Haus spüren würde. Doch dann werden wir schnell des Besseren belehrt. Sie redet sich ein, dass „die Verbrecher“ ihr nun auch zum Bekannten gefolgt seien. Die Nacht war also genauso schlimm wie die übrigen Nächte auch. Also überlegen wir uns eine neue Strategie. Wir vereinbaren mit Freunden, dass wir eine ganze Nacht über aufbleiben und unser Haus beobachten. Die Geschehnisse werden wir mit einer Handy-Kamera aufzeichnen, damit wir Mama beweisen können, dass da niemand ist. Wir waren uns sicher, dass sie uns bei einem festen Beweis in den Händen glauben wird. Frust macht sich breit als folgende Sätze folgen: „Die Verbrecher sind nicht dumm! Sie wussten sicher von eurer Aktion Bescheid und haben sich deswegen nicht blicken lassen.“ Was sollten wir noch tun? Ich nahm sie mit zu mir Nachhause. Ich ließ sie mit im Schlafzimmer zwischen meinem Mann, meinem Kind und mir schlafen, damit sie sich nicht alleine, sondern sicher fühlt. Plötzlich ein Schrei. Ich mache meine Augen auf und da steht sie wieder panisch vor mir. Diesmal seien die Verbrecher vor meiner Haustür in einem Geländewagen mobil und würden sie Straße auf- und abfahren. Sie hat sich auch ein Nummernschild notiert. Es war  eine ausgedachte Anordnung an Zahlen und Buchstaben. Ich wecke meinen Mann, weil ich es wieder mit der Angst zu tun bekomme. Mein Baby wird unruhig. Meine eigene Mama macht mir Angst. Mein Mann und ich folgen ihr ins Wohnzimmer und sehen seine ganze Kleidung und verschiedene Decken an den Fenstern und Balkontür hängen. Es war gruselig. Meine Mutter hat überall Kleidungsstücke und andere Dinge, die ihr in den Händen geraten sind, aufgegangen, damit ja keiner in unsere Wohnung schauen kann.

Wir wissen keinen Rat mehr und gehen zum Arzt. Wir müssen zu einem Pychiater und ich begleite sie natürlich als Übersetzerin, da meine Mutter kaum Deutsch versteht. Für all diejenigen, bei denen nun direkt Vorurteile aufkommen: Meine Mutter ist in einem Land aufgewachsen, in dem es als Frau nicht wichtig war, zu lernen. Die Frau gehört in die Küche und sollte sich um die Familie kümmern. Es gehörte sich nicht mal für eine Frau, Fahrrad zu fahren. Sie hat also nicht oft eine Schule von innen gesehen. Also fiel es ihr hier in Deutschland auch unglaublich schwer, etwas Neues zu lernen. Sie besuchte viele Deutsch-Kurse. Sie bemühte sich zu integrieren aber es gelang ihr einfach nicht richtig. Zuhause bei uns wird fast nur Deutsch gesprochen, aber trotzdem fiel es ihr unglaublich schwer.

Der erste Besuch beim Psychiater war schon komisch. Natürlich hatte ich auch schon eine etwas depressive Phase in meinem Leben, wenn man das denn so nennen kann. Eine Phase, in der ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, antrieblos war. Doch ich veränderte meine Lebenssituation und schon ging es mir besser. Solche Phasen kennen wohl die meisten von uns. Doch ist so eine Phase nicht mit dem Zustand meiner Mama zu vergleichen. Die erste Psychiaterin war eine sehr freundliche Frau. Sie nahm sich viel Zeit für uns und versuchte meiner Mutter zu erklären, dass sie keine Angst haben muss, da sich diese Verfolgungsgeschichten nur in ihrem Kopf abspielen. Meine Mutter fängt an fürchterlich zu weinen und fragt, wie sie Dinge, die sie mit eigenen Augen sieht, nicht für real empfinden soll. Meine Mutter sieht die Dinge. Für sie sind sie real. Die Psychaterin verschreibt ihr Tabletten, damit sie auch nachts besser schlafen kann.

Wir hofften auf eine Veränderung bei einem regelmäßigen Besuch und Tabletteneinnahme. Doch es veränderte sich nichts. Wieder im Gegenteil. Die starken Tabletten verändern meine Mutter noch mehr. Sie wirkt oft abwesend und ihre Hände zittern ständig. Auch die Angst hat sie nicht verloren. Für meinen Bruder und mich als ihre Kinder, aber auch für meinen Vater ist die Situation kaum noch zu ertragen. Es war doch alles gut. Wir wollen unsere geliebte, fröhliche Mutter wiederhaben, die stets gut gelaunt war. Wir liebten sie für ihren Humor und witzige Art mit der sie uns immer zum Lachen brachte. Jeder kennt sie mit einem großen Lächeln im Gesicht. Eine lebensfrohe, gutherzige Frau. Doch jetzt war alles anders. Wir beschlossen uns für eine stationäre Behandlung in einer geschlossenen Psychatrie. Meine Mutter weinte und war zutiefst verletzt. Sie fühlt sich abgeschoben, aber wir wussten einfach nicht mehr, wie wir ihr noch anders helfen könnten. Wir wollten sie nicht abschieben. Es zerbrach uns das Herz, dass sie so etwas von uns dachte. Sie verspricht uns, nachts zu schlafen und nichts mehr zu äußern, wenn sie nur bei uns Zuhause bleiben dürfte. Ich versuchte ihr aber ruhig zu erklären, dass es nicht die Lösung ist, Gefühle zu unterdrücken und so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Also saß sie neben uns im Auto. Stumm mit Tränen in den Augen. Anscheinend will sie es sich einfach über sich ergehen lassen. Widerstand war zwecklos, das wusste sie. Wir informierten uns vorab ausführliche über anstehende Behandlungen und waren stets an ihrer Seite für wichtige Besprechungen über ihren Zustand. Es verging Woche für Woche. Sie freute sich auf unseren Besuch und ihre erste Frage bei jedem war: „Wann nehmt ihr mich wieder mit Nachhause oder wollt ihr mich nicht mehr?!“ Wir versuchten sie jedes Mal zu besänftigen und erklärten ihr immer wieder erneut, dass es ihr sicher bald besser gehen würde. Dann kam endlich der Tag, an dem sie erstmal wieder Nachhause durfte. Wir erhofften uns viel und sie wirkte auch glücklich. Wir waren erleichtert.

Doch dann kam wieder die Nacht und das ganze Drama fing erneut an.

Uns wurde bewusst, dass dieses Kapitel nicht zu Ende war. Ich ließ die letzten Monate Revue passieren und suchte verzweifelt die Ursache. Ich bin mir sicher, dass ihr Zustand heute viel mit ihrer letzten Arbeitsstelle zu tun hat. Sie fühlte sich stark gemobbt und ausgegrenzt. Teilweise hat sie sich sicher selber in die „Außenseiter-Rolle“ katapultiert, da sie sich durch die Sprachbarrieren nicht gut ausdrücken kann und einiges auch falsch versteht. Diese negativen Eindrücke muss sie sich sehr zu Herzen genommen haben.  Einiges hat sie uns auch nicht erzählt, damit wir uns keine Sorgen machen. Ich versuchte ihre Gedankengänge nachzuvollziehen. Ich suche immer wieder das Gespräch mit ihr und versuche ihr oftmals zu erklären, dass sie sich da in etwas hineinsteigert und wir alle für sie da sind. Doch sie wird sauer und traurig und beharrt weiterhin darauf, dass alles was sie sieht echt ist. Ich verzweifle immer mehr und werde langsam auch richtig wütend und fange an zu schreien. Das hätte nicht passieren dürfen, aber auch ich bin irgendwann mit meinen Kräften am Ende.

Wir beschließen einige Wochen mit ihr nach Frankreich zu fahren zu Verwandten. Sie sollte Abstand zu unserer Heimatstadt gewinnen. Wir hofften, dass diese Auszeit vielleicht hilft. Tatsächlich konnte sie etwas entspannen, aber sie hatte Angst, dass dem Rest der Familie in unserem Haus etwas geschieht und will deswegen schnell zurück.

Weitere ambulante und stationäre Aufenthalte folgten über 2 Jahre. Plötzlich bemerkten wir von heute auf morgen eine Veränderung. Sie schien keine Angst mehr zu haben. Meine Mama hat stark zugenommen und lässt sich immer mehr gehen. „Mama, verfolgt dich keiner mehr?“ Sie antwortet kurz und knapp:„Ich weiß es nicht. Ich schaue nicht mehr aus dem Fenster!“ Die Antwort reicht mir. Ich wollte das Thema nicht weiter ausweiten, damit ich die Angst ihr ihr nicht wieder auslöse. Ist jetzt alles vorbei?

Eigentlich könnte ich mich freuen, aber scheint trotzdem anders zu sein. Es folgten Wochen, in denen sie mich nicht anrufte, besuchte oder allgemein sich irgendwie bemerkbar machte. Meine Mutter ist eigentlich die Person, die mich 100 mal am Tag anruft und sich nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Also besuchte ich sie nach dieser Beobachtung und frage sie, ob sie denn ihr Enkelkind nicht sehen mag. Ihre Abwesenheit machte mir wieder Angst. Sie wirkt desinteressiert. Mein Vater erzählt mir, dass sie nur noch im Bett liegen würde und sich komplett absondert. Es folgen weitere Monate in denen sie sich komplett zurückzieht und absondert. Sie redet kaum und ist antriebslos. Sie trägt wochenlang dieselben Klamotten, liegt den ganzen Tag alleine in ihrem Bett.

Einerseits bin ich unglaublich froh, dass sie wieder besser schläft und vor allem keine Panikattacken mehr hat. Andererseits weiß ich nicht, ob ich den jetzigen Zustand besser finden soll.

Ich wünsche mir einfach meine lebensfrohe Mutter zurück und werde sie definitiv nicht aufgeben. Ich wünsche mir, dass meine kleine Tochter nochmal meine Mama so kennenlernen darf, wie sie wirklich ist. Meine Mama hat Depressionen.

Wieso ich diese Geschichte aus meinem Leben erzähle?

Depression ist immer noch ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft, das meiner Meinung nach auch nicht die nötige Aufmerksamkeit erhält. Es gibt für mich keinen Grund das totzuschweigen. Ich spreche daher das Thema bewusst an, weil ich es für wichtig empfinde darüber zu sprechen und sich NICHT dafür zu schämen. Über jede andere Krankheit wird offen und häufig gesprochen. Keiner hat Probleme zu sagen, dass er zum Internisten, Dermatologen, Orthopäden oder Ophthalmologen geht, aber kommen die Wörter Psychologe,Psychiater oder Psychotherapeut ins Spiel, wird es vielen unangenehm. Und das trotz der hohen Fallzahlen. Allein in Deutschland leiden etwa 4 Millionen Menschen an einer depressiven Störung. 350 Millionen Menschen sind schätzungsweise weltweit betroffen. Laut Weltgesundheitsorganisation nehmen etwas mehr als 10.000 Menschen in Deutschland jedes Jahr das Leben und etwa 800.000 Menschen weltweit. Die Zahlen finde ich erschreckend und möchte daher gar nicht schweigen. Psychisch erkrankte Menschen müssen nicht in Erklärungsnot geraten müssen und mit Vorurteilen begegnet werden.

In dem letzten langen Gespräch habe ich dann meiner Mutter noch ein großes Versprechen gegeben. Dieses Versprechen ist nun mein nächstes Ziel und dieses vorgenommene Projekt nimmt etwas Zeit in Anspruch, aber gerne teile ich das mit euch im nächsten Blog-Beitrag.

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Ein Gedanke zu “Tabuthema psychische Erkrankung

  1. Wow, das ist wirklich heftig! Ich wünsche deiner Mama und deiner Familie ganz viel Kraft. Danke für deine Offenheit! Depressionen sind leider ein Tabuthema, daher ist es so wichtig offen darüber zu sprechen um es mehr und mehr zu enttaburisieren. Depressionen sind heimtückisch und führen zu viel Leid, aber sie sind behandelbar und oft heilbar! Auch mit chronischen Depressionen kann man mit der richtigen Behandlung gut leben. Ich bin selber betroffen und daher gut mir der Beitrag sehr nah. Ich fühle mich in meine eigene schlimmste Zeit zurückversetzt und wünsche euch von Herzen alles Gute! Die Akzeptanz der Krankheit ist der erste Schritt in Richtung Heilung und deshalb darf das Thema kein Tabu bleiben. LG Nina

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