Einheimischer Tourist – Die Reise meines Lebens

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Wenn man als Tourist ein Reiseziel auswählt, dann erkundigt man sich vorab und weiß, was einen ungefähr erwartet. Die Hauptsehenswürdigkeiten werden direkt ins Visier genommen und andere Besonderheiten rausgesucht. Wenn jedoch deine Heimat dein Reiseziel ist, kann dir gar nicht richtig bewusst sein, welche Ausmaße diese ganz besondere Reise in deinem Leben annimmt. Es wird eine Reise sein, die dein Leben auf irgendeine Art und Weise verändern wird. Meine Geschichte als Tourist in meiner Heimat.

„Mama, wie ist unsere Heimat?.“ Diese Frage mussten sich meine Eltern wohl ein Dutzend mal in meiner Kindheit anhören. Ich liebte es, wenn sie mir von unserer Heimat erzählten. Die Erzählungen regten jedes Mal meine kindliche Fantasie an. So viele verschiedene Bilder in meinem Kopf, die mich immer wieder zum Lächeln brachten. Ich wollte so gerne einmal mit eigenen Augen sehen, woher ich komme. Wie sehen die Straßen und Häuser aus den Erzählungen in der Realität aus? Ich wollte das Land kennenlernen, in dem meine Eltern aufgewachsen sind. Das Land, das immer Teil meines Lebens prägen wird.

So beschloss ich nach meinem Abitur 2011 endlich meine Heimat kennenzulernen. Ich arbeitete einige Monate nebenbei um genug Geld für den Flug und den Aufenthalt zu organisieren. Dann buchte ich spontan meinen Flug. Um eine Unterkunft musste ich mich nicht kümmern, da meine Eltern ihren ganzen Brüdern und Schwestern Bescheid gaben. Ich wollte nicht in einem Hotel fernab vom wahren Leben, sondern ganz nah am Geschehen sein und das Leben dort auf diese Art und Weise miterleben.

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Es war mein erster Langstrecken-Flug und daher ziemlich aufregend. Angenehmer als erwartet, denn die Airline war echt super. 12 Stunden – noch nie in meinem Leben bin ich so lange geflogen. Ich flog mit sehr gemischten Gefühlen. Einerseits freute ich mich unglaublich endlich meine Familie kennenzulernen und mein Geburtsort zu erkunden, den ich bereits mit 1, 5 Jahren verlassen musste. Andererseits haben mich die 19 Jahre in Deutschland sehr verändert und ich wusste gar nicht, ob ich mich in meiner Heimat überhaupt wohl fühlen würde. Gedanken über Gedanken begleiteten mich den ganzen Flug über.

Nach 9 Stunden ging es dann mit einem kleineren Flieger ab Oman weiter und innerhalb weniger Stunden sah ich dann den lang ersehnten Ort. Bereits aus der Luft sah ich die  wunderschöne Insel Sri Lanka in ihrer vollen Pracht, das Meer drum herum und mein Herz klopfte ganz stark. Ich merkte auch wie meine Hände feucht wurden und ich ganz hibbelig wurde. Endlich.

Da stand nun meine Tante am Ausgang des Flughafens und wartete auf mich. Eine Dame, die große Ähnlichkeit mit meiner Mutter hatte und die ich noch nie zuvor gesehen habe. Das war ein sehr komisches Gefühl, denn irgendwie fühlte ich mich zu der Person sehr hingezogen. Ich fühlte mich ihr nah und verbunden, aber gleichzeitig war sie mir doch so fremd. Meine Tante hatte direkt Tränen in den Augen als sie mich nun endlich nach 19 Jahren an dem Ort wiedersah, an dem sie mich auch verabschiedete. Sie drückte mich und nahm mich mit “Nachhause“.

Ich weiß noch ganz genau wie ich in diesem Haus ankam und mich fragte, ob es ich wirklich einige Monate hier aushalten würde. Ich war im ersten Augenblick überfordert von dieser total fremden Umgebung und diesen ganzen fremden Menschen, die mich unbedingt alle sehen wollten als wäre ich eine Zirkus-Attraktion. Nichts erinnerte mich an mein Zuhause in Deutschland. Diese Hitze, diese ganzen unbekannten Tiere, die die Wände rauf- und runterkletterten. Ein Maus im Badezimmer war das geringste Übel. Die letzten 36 Stunden waren einfach sehr turbulent und ich musste erstmal die Geschehnisse sacken lassen.

Dann sah am nächsten Tag sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich freute mich tierisch auf das Abenteuer, das mich erwartete. Ich habe nicht erwartet, dass Sri Lanka so eine riesige Vielfalt bietet. Ich habe traumhaft schöne Strände gesehen, aber auch tolle Nationalparks mit beeindruckenden Tieren, das Hochland mit den Teeplantagen, Kirchen und wunderschöne Tempel. Ich habe Menschen mit verschiedenen Religionen kennengelernt, die friedlich nebeneinander leben und sich respektieren. Direkt neben unserer katholischen Familie wohnen Hinduisten und gegenüber Muslime. Für mich war diese Art von Zusammenleben sehr beeindruckend, da ich vorab von den Konflikten und Unruhen gehörte hatte.

Natürlich ist die Reise nun auch einige Jahre her und ich erinnere mich nicht mehr an jedes kleinste Detail, aber einige Orte blieben dann doch im Kopf.

Mein 1. Stopp war mein Geburtsort- und die Hauptstadt von Sri Lanka: Colombo. Viele landen hier und ziehen dann direkt weiter. Ich verbrachte die meiste Zeit hier, da auch viele Verwandte von mir hier wohnen. Colombo liegt an der Westküste Sri Lankas und bildet das politische Zentrum. Hier erlebt man das alltägliche laute Stadtleben. Sehr interessant für mich war hier zum Beispiel die Kombination von Stadt & Meer, das Basarvirtel und die katholischen Kirchen wie die St Athonys Kirche, die unglaublich gefüllt war.

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Hier bin ich auch das erste Mal Tuk-Tuk gefahren.

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Leider musste ich als moderne Frau auch einige negative Erfahrungen hier machen. Alleine fortbewegen ohne ein Familienmitglied an meiner Seite ging leider gar nicht, da man als „ausländische Frau“ direkt identifiziert wurde. Es sind viele Blicke, ein wirklich aufdringliches Starren und das obwohl ich mich auch mit meinen Klamotten ziemlich angepasst habe. Dazu kamen dann noch wirklich unangenehme Sprüche und Gesten.

 

In der Nähe von Colombo liegt Negambo- der Geburtsort meines Vaters. Negambo ist als Badeort bekannt und wird wegen den vielen kleinen Kirchen auch das „kleine Rom“ genannt. Auch die wunderschönen Strände fallen hier auf.

Als nächstes ging es mit dem Zug entlang der Teeplantagen weiter nach Kandy!

„Wer nach Sri Lanka reist, muss nach Kandy!“ hörte ich häufig. Das Klima war für mich sehr viel angenehmer als das in Colombo zu der Zeit. Kandy ist die größte Anlaufstelle für Buddhisten und Touristen, denn dort befindet sich auch der wunderschöne buddhistische Zahntempel (Sri Dalada Maligawa- 1998 zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt). Auf dem obersten von 3 Etagen, dem goldenen Schrein, befindet sich der linke Eckzahn von Buddha aus dem 4. Jahrhundert. Für mich war der Tempel-Besuch wirklich was ganz Besonderes, weil ich noch nie zuvor einen buddhistische Tempel besucht habe und somit auch die buddhistische Zeremonie eine ganz neue Erfahrung für mich war. 260 m über der Stadt befinden sich eine riesige Buddha-Statue (Bahirawakanda Vihara) mit dem Blick zum Zahntempel, die nicht zu übersehen ist.

Danach zog es mich in den Osten Sri Lankas nach Trincomalee, der Hauptstadt der Ostprovinz. In dieser Region fand man noch viele Spuren des jahrelangen Bürgerkriegs und des heftigen Tsunamis. Trinco ist ,im Gegensatz zu Kandy, sehr hinduistisch geprägt und daher sind die 2 Hindu-Tempel eine große Sehenswürdigkeit. Geschlafen habe ich hier in einem 3 *** Hotel, das natürlich nicht ansatzweise dem Standard in Deutschland entspricht. Hier teilte ich mir mein Zimmer mit Kakerlaken und anderen tierischen Freunden. Besonders schön fand ich hier den Strand von Uppuveli.

 

In Kaudulla durfte ich Elefanten aus nächster Nähe betrachten. Hunderte Elefanten kann man hier im Nationalpark am Stausee des Parks beobachten und die schöne Atmosphäre einfach genießen.

 

Auch die Küche in Sri Lanka, die ich auch von Zuhause gewohnt bin, ist für mich ein absolutes Highlight. Wer kulinarische Abenteuer mag und scharfes, würziges Essen bevorzugt, der ist hier genau richtig! Auch Vegetarier werden sich sehr wohl fühlen, da hier in einigen Glaubensrichtungen der Verzehr von Fleisch untersagt ist und somit viele vegetarische Gerichte vorhanden sind.

Besonders beeindruckt haben mich auch die Menschen auf dieser Reise, die mit sehr wenig Dingen im Leben, sehr glücklich zu sein scheinen. Ich sah zum Beispiel viele Wohnungen, unter anderem die meiner Mama und ihren 9 Geschwistern. Die Wohnung besteht lediglich aus 2 kleinen Zimmern, die zusammen nicht mal so groß sind wie mein Wohnzimmer und einer kleinen Küche, in der maximal 2 Personen nebeneinander stehen können. Ein Gemeinschaftsbad gibt es für den ganzen Haus-Block. Trotzdem sind die Menschen hier glücklich und zufrieden. Die Türe stehen meist offen und Besucher sind immer sehr willkommen. Die Menschen genießen das gemeinschaftliche Leben und die Zeit mit der Familie und Freunden.

Abschließend kann ich sagen, dass das wohl die interessanteste Reise meines Lebens war. Ich habe ein wunderschönes Land mit ihrer ganzen Vielfalt gesehen und herzliche Menschen, die einen wundervoll aufgenommen haben. Mit vielen neuen Eindrücken und einer unglaublichen Bereicherung an Erfahrungen in meinen Leben durfte ich zurück nach Hause. Ich habe durch die Reise meinen Horizont erweitern können und hatte die Gelegenheit, einmal komplett in eine andere Welt ohne Regeln abzutauchen. Die ganzen Gespräche mit den Einwohnern und deren Denkweisen, haben auch neue Gefühle in mir geweckt. Diese Seite an mir kannte ich bisher noch nicht. Ich kann Sri Lanka sehr als Reiseziel empfehlen und besonders für Abenteurer ist es eine sehr aufregende Geschichte.

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5 Gedanken zu “Einheimischer Tourist – Die Reise meines Lebens

  1. Meine zweite Heimat liegt zwar eher um die Ecke (800km), aber ich habe einen Teil der Familie erst als erwachsene Frau kennengelernt. Aber nach dem Motto „wir sind verwandt? kommt rein und herzlich willkommen“ sind Mauern , die nur im Kopf bestehen, schnell gebrochen und obwohl ich schon 100 x in Papas Heimat war, ich entdecke immer wieder Neues und sobald ich sage, zu welcher Familie ich gehöre, bin ich ein Teil der Gemeinde, obwohl ich ja eigentlich nur ein „deutsche “ bin 🙂

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  2. Ein seeeehr schön beschriebenes Abenteuer Heimat!
    Gleich vom Anfang an konnte ich gleich eintauchen ins Geschehen… und Dir nachfolgen, als wär ich dabei.
    Was mich persönlich noch interessieren würde, sind da die vielen kleinen persönlichen Gedanken, die – wie so viele Dinge im Leben – zur Kopfsache machen! Gedanken, Empfindungen… und wie sie Dich bewegt haben, wie Du mit ihnen umgegangen bist…
    Danke für diesen lebhaften Einblick!

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    1. Ich freue mich über dein Feedback! Vielen lieben Dank! Das wollte ich auch bewirken 🙂 Welche Gedanken würden dich denn noch interessieren?

      Beste Grüße,
      Shobi

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  3. Sorry für die verspätete Antwort…! Nun… betreffend der Gedanken wäre für mich interessant, wie es Dir auch gefühlsmäßig mit diesen doch teils groben Unterschieden ergangen ist? Ich habe das Gefühl, dass Dein Aufenthalt sehr bereichernd gewesen sein muss… einerseits sooo viel Unterschied… und doch zutiefste Gleichheit der Menschen… Ich persönlich finde dies als das schier Faszinierendste an Reisen… 🙂

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